Stadtmenschen

Wie ein „Stadtmensch“ Nachbarschaft vorlebt
Ira Mollay
Martina Zaussinger ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Für sie war ganz klar: dreimal Elternverein. Denn Martina ist eine, die sich engagiert und zupackt, wo es was zu tun gibt. Eines Tages besucht sie den „Tag des Kindes“ im Casino-Park. Dort lernt sie bei einem Infostand die „Stadtmenschen“ kennen und ist so begeistert, dass sie gleich beschließt, selbst auch ein Stadtmensch zu werden.
Und was bedeutet das? Die „Stadtmenschen Wien“ sind eine Reihe von Ehrenamtlichen, die gerne für ihre Nachbar*innen und für andere Menschen da sind. In Sprechstunden geben sie Tipps und vermitteln Kontakte zu Fragen, die die Menschen bewegen, Fragen, bei denen die meisten nicht wissen, wie und wo sie Antwort finden können. Sowohl die Stadt Wien als auch zahllose gemeinnützige Organisationen haben tolle Angebote. Doch oft wissen die, die damit erreicht werden sollen, nichts davon. Denn diese Stellen haben keine großen Werbebudgets, mit denen sie sich sichtbar machen können.
Die Stadtmenschen machen eine Ausbildung, in der sie die verschiedenen Magistratsabteilungen und ihre Zuständigkeiten ebenso kennen lernen wie die wichtigsten Vereine und Hilfsorganisationen. Sie lernen gute Gesprächsführung und sie besuchen die Einrichtungen selbst, die sie später weiterempfehlen.
Martina ist eine leidenschaftliche Vernetzerin. Begeistert saugt sie alle Infos über soziale Anlaufstellen auf und hat einen Fundus an Kontaktdaten. Doch einfach eine Adresse und Telefonnummer weiterzugeben ist ihr zu wenig: „Wenn ich selbst dort war, kann ich weitererzählen, was die Ratsuchenden erwartet. Ich weiß, ob sie sich anmelden müssen oder ob es längere Wartezeiten gibt. Ich kann erzählen, wie es dort aussieht. Das nimmt den Menschen, die in meine Sprechstunden kommen, oft die Scheu vor einer Behörde.“
Gegründet wurden die Stadtmenschen vor drei Jahren von der Social City Wien, einer Plattform für soziale Innovation. Dem Team fiel auf, dass es zwar viele Hilfsangebote gibt, aber keine zentrale Anlaufstelle, die weiß, wohin man sich wenden kann.
Mittlerweile gibt es 62 Ehrenamtliche, die ihren Mitmenschen durch den Behördendschungel helfen möchten. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Stammberufen und bringen dadurch auch ganz verschiedene Erfahrungen und Sichtweisen mit. Altersmäßig sind sie breit gestreut – von 21 bis 72 Jahren findet man alles. Wie oft und wie viel Zeit sie sich für diese Unterstützungstätigkeit nehmen ist ganz unterschiedlich. Martina erzählt, dass sie eine der Aktiveren ist: „Ich habe meine Sprechstunde jeden Samstag. Andere springen nur gelegentlich mal ein. Wir haben einen Kalender, in den wir uns im Vormonat eintragen. Wir können selbst entscheiden, wann und wie viel wir für die Stadtmenschen arbeiten.“
Die Liste an Anliegen, mit denen die Ratsuchenden kommen, ist lang und vielfältig. Eine Frau machte sich Gedanken, wie ihr Sohn, der bald ausziehen möchte, zu einer günstigen Wohnung kommt. Andere möchten eine Gemeindewohnung haben und wissen nicht, wie sie das angehen sollen. Leider auch ein häufiges Thema: die Rechnung für Miete oder Strom kann nicht mehr bezahlt werden. Auch in solchen Fällen weiß Martina Rat. Zum Beispiel, dass es einen Notfonds gibt, an dem alle Energieversorger beteiligt sind und der in bestimmten Fällen einspringt.
Andere Menschen spielen mit dem Gedanken, einen Bildungsabschluss nachzuholen. Oder sich einen neuen Job zu suchen. Da weiß Martina Anlaufstellen, empfiehlt Weiterbildungen und weist auf verschiedene Bildungsmessen hin. Günstige Deutschkurse oder überhaupt günstig zu leben – das ist für viele ein Thema. Martina kennt die Sozialmärkte und weiß, welche Unterlagen man dort vorzeigen muss.
Martina hilft auch immer wieder beim Ausfüllen von Formularen. Diese sind für viele eine Hürde, sei es sprachlich oder weil die Menschen Angst haben, etwas Falsches reinzuschreiben. „Die Stadtmenschen sind Hilfe zur Selbsthilfe. Wir geben Tipps zum Starten undKontaktadressen, wir nehmen die Menschen aber nicht an der Hand – sie müssen schon selber gehen,“ erklärt Martina. Die Stadtmenschen machen keine Sozialarbeit, sondern ergänzen das Angebot, in dem sie die ersten Schritte möglich machen und an die weiterführenden Angebote verweisen. Martina berichtet von einem Taxifahrer, der sehr froh war, über die Stadtmenschen zu erfahren: „Jetzt weiß ich, wo ich die Leute hinschicken kann, die mir im Taxi ihre Probleme erzählen.“
Offenbar gibt es bei vielen Menschen dieses Bedürfnis, eigene Herausforderungen zu besprechen. Und der Schritt hinaus aus dem gewohnten Umfeld ist in solchen Situationen ein goldrichtiger: Wenn mit dem eigenen Wissen Ende der Fahnenstange ist, macht es Sinn, jemand anderen zu fragen. In Wien gibt es derzeit sechs Standorte, wo man sich Rat von den Stadtmenschen holen kann. Dazu brauchen die Stadtmenschen keine eigenen Büros oder Räume. Als waschechte Vernetzer finden sie Unterschlupf bei anderen Institutionen, wie z.B. Martina bei der VHS Penzing. Andere Stadtmenschen halten ihre Sprechstunden in anderen VHS-Stellen, der Bücherei des Bildungszentrums Simmering oder im Nachbarschaftszentrum des Wiener Hilfswerk ab.
Drei Gründe sind wohl für den Erfolg der Idee ausschlaggebend: Das Angebot der Stadtmenschen ist kostenlos. Geld ist also kein Hindernis. Und die Gespräche finden anonym statt. Niemand, der kommt, muss Angst haben, etwas Falsches zu sagen, das später zu Nachteilen führen könnte. Die Stadtmenschen führen jedoch Protokolle über die Gespräche, die aber anonym bleiben. So ist es später möglich, zu einem weiteren Termin zu kommen. Selbst wenn ein anderer Stadtmensch vor Ort ist, kann die Person nachvollziehen, was bereits besprochen wurde. Und zu guter Letzt: Die Stadtmenschen schauen nicht auf die Uhr. Ihre Zeit ist nicht getaktet, die Gespräche dürfen ihre eigene Dynamik haben. Sie dauern einfach so lange wie sie dauern.
Als roten Faden, der sich durch viele ihrer Gespräche in den Sprechstunden zieht, nennt Martina das Thema Einsamkeit. „Viele Probleme würden gar nicht erst entstehen, wenn die Menschen nicht allein oder einsam wären.“ Aus diesem Grund ermutigt Martina ihre Klient*innen stets, Kontakte zu knüpfen. Das ist über diverse Institutionen, wie z.B. die Nachbarschaftszentren, gut möglich.
Diesen Bedarf an Kommunikation, Austausch und einer „Drehscheibe“ kennt Martina auch aus ihrem Privatleben: Wie das Leben oft so spielt, ist es vielleicht kein Zufall, dass sie in Hütteldorf in einer ehemaligen Hausbesorgerwohnung lebt. „Jetzt gibt es keinen Hausmeister mehr, nur einen Putzdienst. Aber der Bedarf ist nicht weggegangen.“ Martina hat aufgrund ihrer Persönlichkeit, ihres Engagements und der Lage ihrer Wohnung den Überblick. Sie übernimmt Postpakete von den Menschen im Haus, denn der Briefträger kennt sie schon. Sie weiß, wann Handwerker im Haus sind und was zu tun ist. „Mit Kindern ist es immer wichtig, sich mit den Nachbar*innen gut zu stellen. Alleine schon für den Notfall, wenn alle anderen Stricke reißen und man die Kinder schnell irgendwo „abladen“ muss.“ Gelebte Nachbarschaft, meint Martina, ist nicht nur örtlich zu sehen. Es geht auch um die menschliche Nachbarschaft.
Alle Sprechstunden mit Wochentag, Uhrzeit und Standort sind auf der Website www.stadtmenschen.wien zu finden.